Carlotta hatte die Nase voll. Wieder hatte der Postbote nur langweilige weiße Briefumschläge für Mama und Papa gebracht. Jetzt waren bereits dreiundzwanzig Tage vergangen und es war immer noch kein neuer Brief für sie gekommen. Seit Carlotta jeden Nachmittag aus der Schule nach Hause stürzte und zu Allererst nach der Post fragte und seit sie jeden Samstagmorgen unmittelbar nach dem Aufstehen zum Briefkasten eilte, beobachtete Mama sie misstrauisch, und heute fragte sie:

„Lotti, was ist denn los? Man könnte meinen, dein Leben hinge neuerdings von unserem Postboten ab! Sag doch mal, auf was wartest du denn so dringend?“

Natürlich ahnte Mama nicht, dass Carlottas Leben tatsächlich vom nächsten Brief abhing und natürlich würde Carlotta ihrer Mutter absolut nichts verraten. Das würde den Zauber brechen und dann wäre alles umsonst. Außerdem ging ihr Mama in letzter Zeit zunehmend auf die Nerven. Seit sie ihren letzten Job gekündigt hatte, hatte sie nämlich unheimlich viel Zeit, um sich ausgiebig um das zu kümmern, was sie nichts, wirklich gar nichts anging.

Es war dieser Traum, der Tess mit einem Schlag aus ihrer Verwirrung riss. Auch die Tatsache, dass er ihr die Tabletten zugesteckt hatte, machte sie das erste Mal misstrauisch. Etwas in ihrem Innern kannte die Wahrheit. Etwas in ihr wusste, dass er sie zerstören wollte. An der Oberfläche wollte sie immer noch an seine Liebe glauben und sie dachte, nicht ohne ihn leben zu können. Ihre Sehnsucht drängte ihr immer wieder eine absurde Hoffnung auf und gaukelte ihr Liebe, Verständnis, Nähe und Geborgenheit vor. All das hatte sie in Wirklichkeit nie von ihm bekommen. All das würde sie niemals von ihm bekommen. Er hatte nur großartige Andeutungen von etwas gemacht, was er nicht kannte. Die Zeit mit ihm war ein einziges leeres Versprechen gewesen. Nichts hatte er auch nur ansatzweise eingelöst, weil er es gar nicht konnte. In Wahrheit kannte er nur Verachtung für jede menschliche Empfindung. Ihre Sehnsucht hatte sie süchtig nach ihm gemacht. Er hatte sie dressiert wie ein Tier. Monate lang hatte sie kaum Kontakt zu anderen Menschen gehabt, außer zu ihm. Niemand ihrer früheren Freunde mochte ihn. Und er hatte ihr geschickt eingeredet, alle hätten sich gegen ihre besondere Verbindung verschworen. Sie müssten umso stärker zusammenhalten. Und immer wieder hatte er Liebesbeweise gefordert.


Ich kann nicht einschlafen. Schon eine Ewigkeit. Ich bin einfach nicht müde. Ob das an den Tabletten liegt? Beim Abendessen habe ich keinen Bissen herunterbekommen. Ich habe keinen Appetit. Mama sagt, dass das mit dem Medikament zusammenhängt. Dass es vorübergeht. Ich bin immer noch sauer auf sie, weil sie mich zwingt, dieses Zeug zu schlucken.

Obwohl ich die ganze Zeit an die Bandirinwelt denke, fällt mir nicht ein, wie die Geschichte weitergehen könnte. Normalerweise fällt mir immer etwas ein. Ich schaffe es nicht mehr in der Geschichte zu sein. Sonst kann ich das. Problemlos. Ich bin dann ganz nahe dran, sehe alles vor mir. So als wäre ich dabei, als wäre ich mittendrin. Jetzt bin ich weit weg von allem.


Jule Jawhari

Bachelor of Arts (Theater)

Master of Science (Psychologie)