Mitgefühl für das eigene Selbst ('self-compassion')

Das in fernöstlichen philosophischen Denktraditionen seit Jahrhunderten existierende positive Selbstkonzept ‚Selbst-Mitgefühl’ (‚self compassion’) zeichnet sich in aktuelleren Forschungsbemühungen der westlichen Psychologie als vielversprechendes Konstrukt in Bezug auf psychische Gesundheit und Lebensqualität ab (Neff, Kirkpatrick & Rude, 2007; Neff, 2009; Barnard & Curry, 2011). ‘Selbst-Mitgefühl’ wird als eine emotional positive und empathische Haltung dem eigenen Selbst gegenüber definiert und umfasst gemäß Neff (2003a) drei Komponenten:

(a) Liebenswürdigkeit / Güte gegenüber dem eigenen Selbst (‚self-kindness’) in schmerzvollen Lebenssituationen oder bei Misserfolg, im Gegensatz zu Härte und Selbstkritik. Dies beinhaltet, dass Unvollkommenheit, Fehler und Schwierigkeiten als Teil der menschlichen Existenz anerkannt werden.

 

(b) Geteilte Menschlichkeit (‚common humanity’) als das Erleben, Teil einer größeren und von allen Menschen geteilten menschlichen Erfahrungswelt zu sein. Im Gegensatz zur Erfahrung des Getrenntseins und der Isolation von anderen Menschen.

 

(c) Achtsamkeit (‚mindfulness’) in dem Sinne, dass negative Gefühle und Gedanken wahrgenommen, aber in einer Balance gehalten werden, anstatt sich allzu sehr mit ihnen zu identifizieren.

‘Selbst-Mitgefühl’ hat einige Vorteile gegenüber dem bekannteren Konstrukt des ‚Selbstwerts’ (‚self-esteem’). ‘Selbst-Mitgefühl’ führt ähnlich wie ‚Selbstwert’ zu einem positiven Selbstgefühl und zu einer starken Selbstakzeptanz, basiert aber nicht auf einer Leistungsbewertung und dem Vergleich mit anderen Menschen (Mosewich, Kowalski, Sabiston, Sedgwick & Tracy, 2011). Für das Erleben von ‘Selbst-Mitgefühl’ bedarf es keiner kognitiven Bewertung, die Andere herabsetzt bzw. die dazu führt, dass man sich Anderen überlegen fühlt (Neff, 2007). Das Streben nach einem hohen ‚Selbstwert’ birgt immer das Risiko von Narzissmus in sich (Baumeister & Vohs, 2001; Wasylkiw, MacKinnon & MacLellan, 2012) bzw. negative Affekte und aggressive Handlungen gegenüber Anderen (Neff, 2009; Baumeister, Smart & Boden, 1996). Laut Neff und Kollegen (2009) hat ‚Selbst-Mitgefühl’ ähnliche Vorteile wie ein hoher ‚Selbstwert’, beinhaltet aber weniger Schattenseiten.

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